Solidaritätsbekundungen zu Beginn der Corona-Pandemie an einem Wohnhaus im 15. Wiener Gemeindebezirk

Solidarische Postwachstumsstadt Wien – Strategien für eine sozial-ökologische Transformation

Das vermeintlich alternativlose Wachstumsparadigma zählt weiterhin zu den wesentlichen gesellschaftlichen Leitlinien für Fortschritt - obwohl tiefgehend erforscht ist, dass Wirtschaftswachstum, absolut betrachtet, nicht vom steigenden Ressourcen- und Energieverbrauch zu entkoppeln ist. Ausbeuterische globale Machtverhältnisse verstärken sich zusätzlich durch die kapitalistische Expansionsdynamik. Ebenso schreiben sich diese Prinzipen in zunehmend viele Lebensbereiche ein und bremsen dringend notwendige sozial-ökologische Transformationen. Degrowth bringt die Kritik dieser Zustände in den akademischen und gesellschaftlichen Diskurs und schlägt Wege zur sozial-ökologischen Transformation vor. Im Rahmen des Projekts Solidarische Postwachstumsstadt Wien stellen wir den Bezug zur Stadt, ihren Entscheidungsträger*innen und Bewohner*innen her. Wie kann eine Stadtpolitik aussehen, die die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben für alle bei gleichzeitiger Einhaltung planetarer Grenzen gestaltet? Im folgenden Beitrag zeichnen wir die Konturen einer solidarischen Postwachstumsstadt und diskutieren strategische Konzepte für die sozial-ökologische Transformation Wiens.

Naturkatastrophen, steigende Temperaturen, prekäre Lebensverhältnisse und die zunehmende soziale Ungleichheit bilden die sozial-ökologischen Vielfachkrisen ab. Über deren Deutungshoheit herrscht eine spannungsgeladene gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ausgehend von einer grundlegenden Kritik an der Ausbeutung von Mensch und Natur fordert Degrowth – im deutschsprachigen Raum auch Postwachstum – den tiefgreifenden Umbau und die Reorganisierung der Wirtschaft. Nicht die Maximierung des monetär gemessenen Outputs, sondern die Ermöglichung eines „Guten Lebens für alle“ innerhalb planetarer Grenzen soll Ziel und Zweck des Wirtschaftens und Zusammenlebens sein. Dafür braucht es die planvolle Verringerung des gesellschaftlichen Naturverbrauchs – vor allem im globalen Norden. Die „imperiale Lebensweise“ (Brand 2020) der globalen Wohlstandsschicht beruht auf der Aneignung von Ressourcen und Arbeitskraft anderer Erdteile und ist damit nicht verallgemeinerbar. Statt sich also weiter vom Wachstum, mit all seinen Verheerungen für Mensch und Natur, abhängig zu machen, zielt Degrowth darauf ab, die Wirtschaft auf ein neues Fundament zu stellen. Dies umfasst eine demokratische Umstrukturierung der Produktionsverhältnisse, die Abkehr vom Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator, den Rückbau nicht-nachhaltiger Sektoren und neue Formen der Arbeit und politischer Teilhabe. Zentral dafür ist die Reorganisierung politischer und wirtschaftlicher Systeme nach dem Prinzip der Solidarität, sowie die Neuverhandlung von Verteilung und Gerechtigkeit – transnational, intersektional und intergenerational.

Die große Frage: Wie kann diese Reorganisierung und Neuverhandlung gelingen? Im Beitrag stellen wir drei Logiken für Transformation vor und zeigen Beispiele für Strategien im urbanen Kontext auf. Denn Städte spielen in der Gestaltung der sozial-ökologischen Transformation eine besondere Rolle. Wachsende Teile der Weltbevölkerung leben in urbanen Räumen. Sie sind häufig Zentren des kulturellen Wandels sowie politischer Macht, wobei tiefgehende strukturelle Veränderungen stattfinden. Städte bergen daher erhebliches transformatives Potenzial, die notwendigen Transformation voranzutreiben. Kompakte urbane Strukturen bieten viele Voraussetzungen für eine ressourcenschonende Lebensweise und die Veränderung von sozialen Verhältnissen hin zu größerem gesellschaftlichem Zusammenhalt. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten Jahren die Idee der „solidarischen Postwachtumsstadt“ (Brokow-Loga & Eckhardt 2020) entstanden. Diese zeichnet Konturen einer Stadtpolitik, die die Bedingungen eines guten Lebens für alle bei gleichzeitiger Einhaltung der planetaren Grenzen gestaltet. Sie ist ein Gegenentwurf zur neoliberal geprägten Stadtentwicklung, die von einer Ausweitung undemokratischer ökonomischer Praktiken geprägt ist. Die solidarische Postwachstumsstadt denkt die urbane Lebens- und Produktionsweise emanzipatorisch und solidarisch, in dem sie dekoloniale, queerfeministische, anti-rassistische Perspektiven explizit miteinschließt. Während sich in Wien Konflikte um die Zukunft der Stadt zuspitzen (Heindl 2020) – ob in der Lobau, auf dem Wohnungsmarkt oder um nicht-kommerzielle Räume wie Karlsplatz und Donaukanal – möchte Degrowth Vienna mit diesem Beitrag den Entwurf der Postwachstumsstadt, sowie Strategien für eine sozial-ökologische Transformation mit Beispielen für Wien skizzieren und zur Diskussion stellen.

Expansion und Wirtschaftswachstum um jeden Preis

Postwachstum stellt die Selbstverständlichkeit ökonomischer Leitprinzipien wie Wirtschaftswachstum oder den Fokus auf Effizienz in Frage. Die vermeintliche Alternativlosigkeit von marktwirtschaftlichen Prinzipien, welche weitgehend indifferent gegenüber den unterschiedlichen Lebensgrundlagen sind, wird problematisiert. Mittlerweile werden große Teile unserer Gesellschaft, Städte, Ernährungs-, Mobilitäts-, und Kommunikationssysteme stark entlang von kapitalistischen Interessen und Prinzipien organisiert (Brand 2020). In Wien beeinflussen kommerzielle Interessen immer stärker den Immobiliensektor, fördern räumliche Verdrängungsprozesse und bremsen die Mobilitätswende (Mattioli et al. 2020).

Auf technologische Innovation fokussierte Ansätze wie zum Beispiel jener der Smart City spiegeln diesen einseitigen Fokus auf ausgewählte Zonen der Wirtschaft wider, wobei die Smart City Strategie Wiens auch soziale Innovationen und Zusammenhalt miteinschließt. Dennoch bleibt das transformative Potenzial von nicht-kommerziellen Räumen und Praktiken, sowie von fundamentalen Infrastrukturen der Daseinsvorsorge weitestgehend unbeachtet. Gegenprojekte zeigen sich zumeist in Form von sozialen Bewegungen oder Konflikten um nicht-kommerzielle Projekte und öffentlichen Raum, die Diskussionen anstoßen und Entwicklungsparadigmen in Frage stellen.  Konzepte der sogenannten nachhaltigen Entwicklung bleiben meist dem Wachstumsimperativ verhaftetet: “Grünes Wachstum” soll die Widersprüche zwischen Ökologie und Ökonomie versöhnen. Zentral dafür ist die Idee der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung. Dabei legen immer mehr Studien nahe, dass diese absolute Entkopplung nicht und schon gar nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit möglich ist (Hickel & Kallis 2019; Parrique et al. 2019; Haberl et al. 2020). Dominante Konzepte, die weiterhin auf dem Wachstumsimperativ beruhen – wie die SDGs (Sustainable Development Goals) oder Smart City – verstetigen damit die Ausbeutung von Mensch und Natur, während sie die eklatant ungleiche Verteilung von Ressourcen, Vermögen und Macht unangetastet lassen.

Wachstum hegemoniell. SPÖ Wien Kampagne 2018.

Elemente der solidarischen Postwachstumsstadt

Die Idee der solidarischen Postwachstumsstadt stellt sich dieser weitreichenden kapitalistischen Verfügung über Produktionsmittel, städtischen Raum, alltägliche urbane Praktiken und Lebensrealitäten in den Weg (Brokow-Loga & Eckhardt 2020). In diesem Rahmen verfolgt sie drei zentrale Ziele (vgl. Schmelzer & Vetter 2020): Globale ökologische Gerechtigkeit, welche keine Kosten in Raum und Zeit externalisiert. Zweitens, ein gutes Leben für alle, im Sinne von sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und Selbstbestimmung. Dies umfasst die radikale Umverteilung von Einkommen, Vermögen und Arbeit, sowie eine umfassende und zugängliche Daseinsvorsorge. Drittens, Wachstumsunabhängigkeit und damit eine Gesellschaft, die nicht auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist, um zentrale Strukturen und ihre Funktionsweise zu reproduzieren.

Als Gegenentwurf ist es notwendig, reale Alternativen aufzuzeigen und mit dem Dogma „There is no alternative“ zu brechen, welches die undemokratische Haltung neoliberaler ökonomischer Ansätze deutlich macht. So setzt sich beispielsweise der Alltagsökonomie-Ansatz (Foundational Economy Collective 2019) zum Ziel, die Daseinsvorsorge, Nahversorgung, sowie andere räumliche, soziale und kulturelle Infrastrukturen als wesentlich für ein gutes Leben hervorzuheben. Dabei wird mit der Illusion gebrochen, dass alle Bereiche der Wirtschaft in der Marktlogik zu organisieren sind (Krisch et al., 2020). Im Gegenteil sollten jene Bereiche als Commons kollektiv allen zur Verfügung stehen und ihre Organisation einer gesellschaftlichen Debatte und demokratischer Entscheidungen unterliegen.

Ebenso ist stärker auf die strukturierende Wirkung von Infrastrukturen zu achten, da diese Lebensweisen formen, ökonomische Verhältnisse beeinflussen, und wesentliche Hebelpunkte für Transformationen sind. Hier rücken sozial-ökologische Infrastrukturen in den Fokus. Bärnthaler et al. (2020, S. 2) definieren sie als inklusiv und zugänglich (z.B. öffentliche Räume), leistbar (z.B. Wohnen, Gesundheit, Energie) und ökologisch nachhaltig. Unter anderem beinhalten sozial-ökologische Infrastrukturen Grünräume, soziale Einrichtungen, ressourcenschonendes Wohnen und Mobilität, sowie erneuerbare Energien. Zusammen mit einem demokratischen Regelwerk ermöglicht dies die kollektive Nutzung von Räumen und Einrichtungen, die unabhängig vom Einkommen Nutzwerte darstellen. Die sozial-ökologische Vielfachkrise macht einen Aufbau und einen Umbau jener Infrastrukturen unbedingt notwendig.  

Einer Postwachstumsstadt muss Solidarität eingeschrieben sein. Dies setzt voraus, bestehende Machtverhältnisse in den Blick zu nehmen (Brand 2020). Teil dessen wäre eine gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung der unbezahlten und unterbezahlten Bereiche der Pflege- und Fürsorgearbeiten. Dieser wird zum Großteil von Frauen* aufrechterhalten und nicht nur von dominanten ökonomischen Strömungen in die individuelle Eigenverantwortlichkeit des Privaten gedrängt, sondern auch von unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Regimes. Leistung wird im Rahmen aktueller Paradigmen über Marktmechanismen definiert (Angebot und Nachfrage), wobei viele Menschen unbezahlte oder unterbezahlte Fürsorgearbeit leisten, damit gesellschaftliche Grundlagen und Werte schaffen (value makers) und sich gleichzeitig einige Wenige im Rahmen der Rentenökonomie (z.B. Aktien-, Immobilien- und Kapitalmarkt) gesellschaftlich produzierten Reichtum aneignen (value takers) (Mazzucatto 2019). In Summe bedarf es einer Care Revolution (Winker 2021), welche auf umfassenden Interventionen fußt: ausreichendes Einkommen, Arbeitszeitverkürzung, diskriminierungsfreie Verteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern, soziale Infrastruktur, die Sorge und Selbstsorge unterstützt und Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen. Das Ziel ist eine solidarische Gesellschaft, die an menschlichen Bedürfnissen und an der Sorge füreinander orientiert ist und dies auch ins Zentrum ökonomischen Handelns stellt.

Insgesamt deuten die vorgestellten Alternativen auf ein transformiertes gesellschaftliches Verhältnis zu den menschlichen und biophysischen Lebensgrundlagen hin und können als Gegenentwurf zum aktuellen kapitalistischen Akkumulationsprinzip verstanden werden. Ein Kurswechsel zur sozial-ökologischen Produktions- und Lebensweise ist notwendig. Dafür benötigt es Transformationsprozesse auf zahlreichen Ebenen. Im Folgenden werden grundlegende Transfomationsstrategien präsentiert, sowie wesentliche Hebelpunkte für den Wiener Kontext.

Strategien für sozial-ökologische Transformation

Transformationspfade in Richtung einer solidarischen Postwachstumsstadt funktionieren nach verschiedenen Logiken und sind stets kontextgebunden. Angesichts der Dringlichkeit ist klar: Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis von Strategien und den unterschiedlichen Rollen beteiligter Akteur*innen. Es geht darum, wie wir Strategien aufeinander beziehen können – und welche blinden Flecken bestehen. Eine hilfreiche Unterscheidung von Logiken antikapitalistischer Transformationen bietet in diesem Zusammenhang Erik Olin Wright. Wright (2010, 2021) unterscheidet zwischen interstitiellen, symbiotischen und sich bruchartig vollziehenden Logiken. Diese Konzepte basieren auf anarchistischen, reformistischen oder revolutionären Theorien gesellschaftlichen Wandels und schließen sich trotz ihrer Widersprüche nicht gegenseitig aus. Gemeinsam sind ihnen zwei übergeordnete Ziele: Einerseits den Schaden des rassistischen, patriarchalen Kapitalismus zu begrenzen, sowie ihn in der Folge zu überwinden (siehe Chertkovskaya 2020).

Insbesondere in der Degrowth-Community sind die Ansätze interstitieller Transformationen stark verankert. Durch den Aufbau konkreter Alternativen in Nischen und Zwischenräumen kapitalistischer Gesellschaften zeigen sie, dass gemeinwirtschaftliches und auch selbstorganisiertes Leben möglich sind. Alternativen von unten sind häufig Freiräume, die neue Formen des Wohnens, Arbeitens, Handelns, der Care- und Sorgearbeit sowie Bildung und Kultur schaffen. Zwar gehen die wenigsten jener konkreten Utopien – auch Nowtopias genannt – bisher über den Status des Nischenprojekts hinaus, jedoch braucht es Erfahrungsräume, um sich von Wachstumszwängen – die ebenso wie patriarchale oder rassistische Strukturen tief in die Subjekte eingeschrieben sind – zu lösen (Muraca 2015). Im Kontext der Stadt nimmt diese Logik von Transformation eine zentrale Rolle ein. Kooperativen, Mietshaussyndikate, Food-Coops und Kulturkollektive zeigen bereits wie eine aktive Gestaltung nach gemeinwohlorientierten Prinzipien funktionieren kann. Sie erproben den fließenden Übergang zwischen selbst-organisierten Alternativprojekten von unten und den Möglichkeiten politischer Mitbestimmung auf institutioneller Ebene – entweder durch Protest oder Beispielcharakter. Es stellt sich die strategische Frage, wie sich ein Paradigmenwechsel so vollziehen kann, dass er über eine Reform des gegenwärtigen Systems hinausgeht und dessen Transformation bewirken kann. Was häufig fehlt: die breite Organisierung und das Auftreten als machtvolle Akteur*innen gegenüber kommerziellen Interessen. Gelingt eine solche, stärkt das die Position, um gegen die Interessen des kapitalistischen Wachstumszwangs reale Veränderungen anzutreiben. Stärkere Kommunikation zwischen Kollektiven und selbstorganisierten Gruppen, sowie das gemeinsame Eintreten für die Grundpfeiler einer solidarischen Stadt für alle können diese in der Gegenwart schon teilweise erlebbar machen, sowie politischen Druck aufbauen. Wichtig ist eine inhaltliche Klarheit über das Selbstverständnis und die Ziele von Verbündeten , sowie sympathisierende oder sie unterstützende Gruppen (passive Verbündete).

Die zweite Logik, die symbiotische Transformationslogik, schließt explizit bestehende Institutionen und die Zivilgesellschaft mit ein. Der Fokus liegt hier auf konkreten Vorschlägen für radikale Reformen, mit einem Verweis auf die Tradition „nicht-reformistischer Reformen“, die in den 1970er Jahren Eingang in die Strategiedebatte fand. In dieser Form richten sich radikale Forderungen durchaus an Regierungen oder bestehende Institutionen, oft auch in Zusammenarbeit mit etablierten zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gewerkschaften. Die Infrastruktur des alltäglichen Lebens lässt sich mittelfristig nur schwierig durch kleine Nischenprojekte organisieren. Bereiche wie Gesundheit, Wohnen, Verkehr, Bildung oder auch Lebensmittelversorgung sind insbesondere in der Stadt auf eine gute Organisation und Verwaltung angewiesen. Symbiotische Strategien zielen daher auf eine Demokratisierung solcher verwaltungspolitischer Strukturen ab, damit Forderungen von sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft ebenso Eingang in politische Entscheidungsprozesse finden und ein Gegengewicht zum Industrielobbyismus darstellen.

Die dritte Logik, die sich bruchartig vollziehende Transformation, zielt auf eine Zuspitzung von gesellschaftlichen Konflikten ab. Sie basiert auf Konfrontation und einem Bruch mit den bestehenden sozialen sowie institutionellen Strukturen. So können temporäre und lokale Brüche mit den kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Systemen in einer emanzipatorischen sozial-ökologischen Transformation von entscheidender Bedeutung sein. Besetzungen, Blockaden und ziviler Ungehorsam sind feste Bestandteile emanzipatorischer Veränderungsprozesse und können dazu führen, dass hegemoniale Praktiken zur Diskussion stehen oder sogar von neuen Paradigmen abgelöst werden. Solche Strategien lassen sich aktuell stark in Diskussionen um Verkehr und die Forderungen nach einer Mobilitätswende erkennen.

Zusammenfassend ist es wichtig, die drei genannten Logiken nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern sie aufeinander zu beziehen. Die Idee der solidarischen Postwachstumsstadt verstehen wir daher insgesamt als ein „Mosaik der Alternativen“ (Burkhart et al.,2020) – positive Alternativkonzepte für ein gutes Leben für alle, die sich in verschiedenen Transformationslogiken wiederfinden. Manche können direkte Brüche erzeugen, andere streben radikale Reformen an oder nisten sich in den Nischen des vorherrschenden Systems ein. Wie sehen also Strategien aus, die ein wesentliches Gegenprojekt zur Folge haben, welches das gute Leben für alle ins Zentrum stellt und mit dem Wachstumsparadigma und seinen problematischen Auswirkungen auf Städte bricht? Die beschriebene Typologisierung soll hier einerseits Orientierung geben und die Beschäftigung mit dem Strategiethema anstoßen.

Konkrete Hebelpunkte für Wien - Strategien für Transformationen

Ein Paradigmenwechsel in der Stadtpolitik, der Bruch mit technokratischen Stadtentwicklungsparadigmen basiert entscheidend auf Aktionen und Handlungen sozialer Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Die solidarische Postwachstumsstadt bietet Raum für pluralistische Allianzen, die verschiedene Strategien für emanzipatorischen Wandel verfolgen, im Ganzen aber gemeinsam an einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft arbeiten (Brokow-Loga & Eckhardt 2021). Wie beziehen wir die Teile aufeinander, und welche Bereiche erscheinen besonders relevant, um einen notwendigen Paradigmenwechsel zu vollziehen? Es folgen Beispiele für konkrete Hebelpunkte in Wien und deren Verhältnis zu den genannten Transformationsstrategien.

In der Verkehrs- und Infrastrukturpolitik Wiens spitzt sich gegenwärtig die Diskussion um Mobilitätskonzepte und damit verbundenen Vorstellungen in der Stadtentwicklung zu. Der Diskurs zeigt verschiedene Ansätze der Transformationslogiken und ihr mögliches Zusammenspiel auf. Während Initiativen auf Basis aufwendig erarbeiteter Konzepte und breiter Mobilisierung klassische politische Partizipationsmethoden wie Petitionen verwenden, versuchen andere Akteur*innen mit Aktionen des zivilen Ungehorsams und radikalerer Rhetorik einen Bruch mit den bestehenden Machtverhältnissen zu erzeugen. Im Bereich der Verkehrspolitik sehen sich progressive Akteur*innen den dominanten Konzepten der fossilen Industrie und den Verfechter*innen des motorisierten Individualverkehrs gegenüber. Deren Argumente beziehen sich vordergründig auf den Ausbau des Wirtschaftsstandorts und der damit verbundenen Sicherung von Arbeitsplätzen und angeblicher Lebensqualität im Angesicht einer wachsenden Stadt. Der geplante Lobautunnel und die damit verbundenen Straßenprojekte sowie die geplante dritte Piste am Flughafen Wien-Schwechat stehen exemplarisch für eine Verkehrs- und Infrastrukturpolitik, die stark im Sinne industrieller Interessen ist sowie abhängig von der Fortführung von motorisiertem Individualverkehr. Die Aktionen und der Widerstand gegen den Bau solcher Projekte zielen auf Brüche mit diesem Paradigma ab. Das Beharren von Regierenden auf dem beschriebenen Paradigma kann dabei weiter die Politisierung und das Bewusstsein für den Bedarf nach Veränderungen im Mobilitätssystem fördern. Des Weiteren kann es zu einer Zuspitzung der Debatte um politische Mitbestimmungsmöglichkeiten führen, welche bei großen Fragen wenig partizipativ erscheinen.

Das Verhältnis kommerzieller und nicht-kommerzieller Aktivitäten ist ein weiterer Konfliktpunkt in Wien, der sich in den letzten Jahren zuspitzt. Räume und Praktiken, die nicht ökonomisch verwertbar sind, stehen durchwegs unter Druck, verdrängt zu werden. Das betrifft einerseits selbstorganisierte oder gemeinwirtschaftliche Formen des Wohnens, Arbeitens, Handelns, der Sorgearbeit, Bildung und Kultur – andererseits öffentlichen Raum und zugängliche, leistbare Einrichtungen, die niederschwellig Aneignung ermöglichen und Rahmenbedingungen für ein gutes Leben darstellen. Solche nicht-kommerzielle Nischen werden aktuell durch politisch-ökonomische Regelwerke und Machtverhältnisse stark marginalisiert – und damit ebenso soziale Gruppen, die sich dort wohl fühlen, davon abhängig sind oder diese Alternativen gestalten könnten. Häufig entwickeln sich solche Projekte, die interstitiellen Transformationen zuzuordnen sind, auch aufgrund der Abwesenheit staatlicher oder privatwirtschaftlicher Versorgung. Jedenfalls entziehen sie sich von Wachstumszwängen und zielen darauf ab, Alternativen zu verwirklichen, welche andere Ordnungsprinzipien als die des Marktes nutzen. Wien muss dieses Verhältnis auf neue Beine stellen, um nicht anderen europäischen Städten zu folgen, welche einkommensschwache Gruppen, nicht-kommerzielle Alltagspraktiken, kulturellen Ausdruck und alternative Strukturen verdrängen und marginalisieren. Konkret betrifft das in Wien Räume wie beispielsweise in Neu Marx, welche Aneignung und kulturellen Ausdruck erlauben. Ebenso betrifft es den öffentlichen Raum abseits von Straßen für den Individualverkehr. Benachteiligte Gruppen sind auf diese Räume besonders angewiesen, um Mobilitäts- und Erholungsbedürfnisse zu befriedigen. Darüberhinaus zählen zu dem beschriebenen Verhältnis auch Interventionen bei der Nutzung von Erdgeschoßzonen. Förderungen, Reglementierungen, sowie leistbare Räumlichkeiten könnten eine stärkere Durchmischung unterschiedlicher Aktivitäten (Betriebe, Kultur oder Soziales) unterstützen. Dies würde ebenso dazu beitragen, dem räumlichen Ziel des “Polyzentralen Wien” (Magistratsabteilung 18, 2020) näher zu kommen, da sich solche Räume durch eine Vielfalt an Funktionen und Nutzungen auszeichnen.

Zu guter Letzt befinden sich vergleichsweise große Teile der städtischen Infrastruktur in kommunaler Hand. Das bedeutet ein großes Potenzial für symbiotische Ansätze, da der Einflussbereich von Stadtregierung und Verwaltung groß ist. Wohnen, Mobilität, öffentlicher Raum, soziale Einrichtungen, kulturelle und demokratische Teilhabe sind allesamt fundamentale Bereiche, in denen tatsächliche Partizipation sozialer Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen notwendig sind. Die laute Forderung nach leistbarer und qualitätsvoller Versorgung und der Aufbau diskursiver Gegenhegemonie sind in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung. Im Zusammenspiel mit dem Ausüben von Druck auf aktuelle Politik- und Verwaltungsstrukturen, sowie deren Veränderung, ließen sich Transformationspfade einfordern und gestalten. Hin zu einem ganzheitlichen Ansatz von Stadtplanung, der sozial-ökologische Infrastruktur, Commons und Care für alle an erste Stelle setzt, anstatt Profitinteressen und Wirtschaftswachstum. Im Detail ginge es darum, dass Anliegen von sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft Eingang in Entscheidungen von Politik und Verwaltung finden. Was zumeist das Aufbauen von Druck durch selbstorganisierte Kampagnen und breite Mobilisierung erfordert.

Abschließend ist es uns wichtig auszudrücken, dass die Problematisierung bestehender Verhältnisse, sowie die Diversität von Transformationspfaden wesentliche Themen für progressive Akteur*innen darstellen. Wir möchten die Diskussion um Transformationsstrategien anstoßen und sehen eine Wissensallianz zu Postwachstum in Wien als einen wichtigen Schritt, um unterschiedliche Perspektiven, Themen und Strategien in Austausch zu bringen. So können wir das Mosaik sozial-ökologischer Transformation stärken, welches sich Herausforderungen und Strategien widmet, sowie Solidarität an erste Stelle setzt.

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