offener Laptop mit dem Text Workshop Workshop und dem Bild einer Schnecke

Workshop Workshop – Finde deinen eigenen Workshop-Stil

Im März dieses Jahres haben wir einen internen Skillsharing-Workshop veranstaltet! Da Degrowth Vienna viele Workshops durchführt, wollten wir unsere Fähigkeiten auf dem neuesten Stand halten. Deshalb moderierte eines unserer Mitglieder, Elisabeth Hartmann, einen Methoden-Workshop. Das gab uns die Möglichkeit Erkenntnisse und Ideen auszutauschen und unsere Art der Workshop-Leitung zu reflektieren.

Wenn du dich schon einmal gefragt hast, wie man einen interaktiven Workshop gestaltet oder was transformative Bildung ist, dann ist dieser Blogartikel genau das Richtige für dich!

5 junge, weiße Menschen sitzen um einen Tisch; eine Person erklärt etwas

Los geht’s

Angefangen haben wir mit einem Denkanstoß zu unseren Werten und Leidenschaften im Zusammenhang mit Degrowth. Das erinnerte uns alle daran, warum wir bei Degrowth Vienna aktiv sind, und brachte uns in die richtige Stimmung.

Da es sich um einen internen Workshop handelte, hatten wir viele erfahrene Workshopleiter*innen in der Gruppe, aber auch einige neuere Mitglieder, die noch nie selbst einen Workshop geleitet hatten. Das bedeutete, dass die Erwartungen sehr unterschiedlich waren: Einige wollten Workshop-Methoden erlernen und das Selbstvertrauen gewinnen, ihren ersten Workshop zu leiten. Andere hatten spezifischere Ideen, beispielsweise wie man einen Workshop anders gestaltet als alle anderen, an denen man bereits teilgenommen hat, und wie man mit schwierigen Situationen umgeht.

Positionsbarometer

Um nach den Vorstellungsrunden ein bisschen Bewegung reinzubringen, machten wir ein Positionsbarometer. Das bedeutet, dass alle eine bestimmte Frage beantworten, indem sie sich entlang einer definierten Linie im Raum positionieren, z. B. zwischen Zustimmung und Ablehnung. Das Positionsbarometer ist eine großartige Übung, um zu sehen, wie unterschiedliche Meinungen im selben Raum nebeneinander bestehen können. Sie regt außerdem die Menschen dazu an, über ihre eigene Position nachzudenken und Stellung zu beziehen. Uns gefiel zwar, dass die Übung alle dazu zwingt, sich auf eine Antwort festzulegen, aber es war uns wichtig, dass alle Position ändern konnten, wenn sie beispielsweise die Begründung einer anderen Person vom Gegenteil überzeugte. 

Unser Positionsbarometer war besonders interessant, da Elisabeth sich sehr interessante und kontroverse Fragen überlegt hatte, die selbst in unserer relativ homogenen Gruppe unterschiedliche Meinungen hervorriefen. Zum Beispiel: 

Was ist wichtiger: Handlungskompetenzen oder die Reflexion über bestehende Herausforderungen und Werte?

In diesem Fall war es besonders schwierig, da wir uns ausschließlich für das eine oder das andere entscheiden mussten und sich unsere Gruppe dadurch in zwei Hälften teilte. Wofür würdest du dich entscheiden?

Anschließend reflektierten wir über die Methode und waren uns einig, dass sie sehr nützlich ist, aber besonders gut in unserer kleineren Gruppe funktioniert hat. In größeren Gruppen wird aufgrund von Zeitmangel nicht jede Person ihr Position begründen können. Man kann die Teilnehmenden also in Zweiergruppen aufteilen („Think-Pair-Share“), damit jede Person ihre Meinung äußern kann. Diese Paare können sich dann auch mit einem anderen Paar zusammenschließen und so weiter in einer 2-4-8-16-Konstellation, bevor die Gruppen ihre Ergebnisse im Plenum vorstellen. Um sicherzustellen, dass sich die Teilnehmenden an ihre Meinung erinnern, nachdem sie die einer anderen Person gehört haben, sollten sie ihre Meinung vor dem Austausch auf ein Blatt Papier schreiben (vor allem gut für Workshops mit Kindern).

Wichtige Vordenker*innen

Wir nehmen üblicherweise an, dass nicht Bildung das Problem ist, sondern zu wenig Bildung. Dass Menschen mehr zu Umwelt und Gerechtigkeit beitragen, je mehr Bildung sie erfahren haben. 

Warum werden dann die größten sozio-ökologischen Übel Personen mit Doktoraten, Bachelor- und Masterabschlüssen zugeschrieben?

Wir brauchen nicht einfach mehr Bildung. Wir brauchen eine Bildung, die den Kern der Sache erfasst.“ 

(Orr 2004, eigene Übersetzung)

Dieses Zitat zeigt, dass mehr Bildung nicht immer die Lösung ist, sondern dass es vielmehr auf die Art der Bildung ankommt. Ausgehend von dieser Sichtweise stellte Elisabeth uns die Konzepte der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und des transformativen Lernens vor.

Zwei Denker*innen leisteten sehr wichtige Beiträge zu diesen Konzepten: Paulo Freire und bell hooks.

Paulo Freire (1921–1997) war ein brasilianischer Pädagoge, Philosoph und Historiker, der die Pädagogik der Unterdrückten konzipierte. Er war der Ansicht, dass „normale“ Bildung hauptsächlich dazu diente, den Status quo aufrechtzuerhalten. Laut Freire folgte die damalige Bildung dem „Banking-Modell“: Wissen in Köpfe zu füllen, um es bei Bedarf wieder abzurufen. Er war jedoch auch fest davon überzeugt, dass Bildung Teil der Befreiung sein könne, wenn sie kritisch, dialog- und praxisorientiert sei (Praxis = Reflexion über die Welt und Handeln in/an der Welt). In der Pädagogik der Unterdrückten sollte Bildung den Alltag der Lernenden berücksichtigen und Macht- und Herrschaftsstrukturen reflektieren.

Die US-amerikanische Lehrerin, Autorin und intersektionale Feministin bell hooks (1952–2021) knüpfte an Freires Werk an. Ihr Konzept des Teaching to Transgress (Lehren, um Grenzen zu überschreiten) stützt sich auf fünf zentrale Säulen:

1.    Engagierte Pädagogik: Bildung als Praxis der Freiheit mit intellektueller Strenge und – was besonders wichtig ist – emotionalem Engagement.

2.    Räume der Möglichkeiten: Das Klassenzimmer sollte ein Raum sein, in dem jede Person voll und ganz präsent sein und neue Ideen erkunden kann. Leider wird dieses Potenzial nicht immer ausgeschöpft. 

3. Liebe als zentrale Kraft: Die Förderung des intellektuellen und spirituellen Wachstums der Lernenden. Dies ist ein bedarfsorientierter Ansatz, was bedeutet, dass sich die Lehrkräfte an die Bedürfnisse der Lernenden anpassen und einen möglichst sicheren Raum schaffen.

4. Das „Banking-Modell“ hinterfragen: Dies baut auf Freire auf und betrachtet Lernen als einen aktiven Prozess.

5. Werkzeug zur Befreiung: Bildung ist nicht nur der Erwerb von Fähigkeiten, sondern kann ein Werkzeug zur Transformation sein.

Vor diesem Hintergrund reflektierten wir erneut über unsere Werte und Leidenschaften im Zusammenhang mit Degrowth und darüber, wie dies uns als Lehrende und/oder Workshop-Leiter*innen prägen könnte. Da niemand Werte und Vorurteile einfach abschalten kann, sollten wir uns dieser bewusst sein und unsere Persönlichkeit als Lehrende darauf aufbauen. Die Ambiguitätstoleranz ist eine wichtige Fähigkeit für Lernende und Lehrende gleichermaßen, da z. B. nicht jeder Degrowth mögen wird.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

BNE ist die Kombination aus Umweltbildung und globalem Lernen. Sie zielt ausdrücklich auf die Erreichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ab. Pädagogisch ist sie diskursorientiert und stellt Selbstreflexion und Kontroversen in den Mittelpunkt (für mehr Hintergrundinformationen siehe Beutelsbacher Konsens). Sie versucht, Reflexion und Handeln zusammenzuführen, um den Menschen Gestaltungskompetenz zu vermitteln.

Es gibt drei Arten von BNE[i]. Während BNE1 sich eher auf Handlungskompetenzen konzentriert, steht bei BNE2 die Reflexion von Werten und die Dekonstruktion von Expert*innenwissen im Mittelpunkt. BNE3 kann auch als transformative Bildung oder transformatives Lernen bezeichnet werden. 

Transformative Bildung basiert auf den pädagogischen Ansätzen von Freire und hooks. Sie zielt auf einen tiefgreifenden Wandel der zugrunde liegenden Werte und Annahmen ab. Was die Lernergebnisse angeht, ist sie jedoch offen. Vielmehr konzentriert sie sich auf den Lernprozess, macht Alternativen sichtbar und empowert Menschen, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen. Einerseits kritisiert sie BNE1 als zu instrumentalisierend und stellt die Reflexion in den Mittelpunkt. Andererseits ist sie nicht so konstruktivistisch wie BNE2. BNE3 erkennt an, dass wir uns mit den aktuellen Krisen auseinandersetzen müssen, und konzentriert sich auf das Lernen im Zusammenhang mit einer sich wandelnden Welt. Darüber hinaus hat transformative Bildung ein anderes Verhältnis zur nicht-menschlichen Welt als sowohl BNE1 als auch BNE2.

Allerdings ist das Konzeptwerk Neue Ökonomie in Deutschland die einzige uns bekannte Organisation, die transformative Bildung aktiv praktiziert.

Gruppenarbeit

In der letzten Stunde des Workshops teilten wir uns in Gruppen auf, um über unser neu erworbenes Wissen zu reflektieren und gemeinsam an einem Thema unserer Wahl zu arbeiten. Eine Gruppe konzentrierte sich auf die Phasen und die Vorbereitung eines Workshops. Die andere Gruppe konzentrierte sich auf Methoden, die dabei helfen können, einen Workshop zu moderieren, bei dem die Teilnehmer sehr unterschiedliche Vorkenntnisse haben.

Schließlich endete der Workshop nach einer weiteren kurzen Reflexion und einer Feedbackrunde mit den Fragen:

Mir hat gefallen…

Ich hätte mir gewünscht…

Ich habe gelernt…

Fazit

Wir hatten einen wunderbaren Workshop, der uns als Team näher zusammengebracht hat! Die Erfahrenen konnten über ihre Rolle als Lehrende/Workshop-Leiter*innen nachdenken, und die neueren Mitglieder haben viel darüber gelernt, wie man einen Workshop leitet.

Da ich noch relativ neu in der Moderation von Workshops bin, habe ich viel gelernt. Danke, Elisabeth, dass du mir gezeigt hast, wie man es richtig macht! Wenn ihr euch fragt, wie man einen Workshop vorbereitet und leitet, ist dies eine großartige Vorlage. Dieser Workshop war sehr kurzweilig und gleichzeitig informativ. Er dauerte vier Stunden, und niemand hat sich gelangweilt!

Aber das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist: Macht genügend Pausen! Niemand kann aufmerksam bleiben, ohne Zeit zum Auftanken zu haben.

Lasst uns wissen, ob ihr auch an einem solchen Workshop interessiert seid!


[i] Pettig, F., & Singer-Brodowski, M. (2024). Learning in Relation with a Changing World: Thinking Beyond ESD 1 and ESD 2 Towards ESD 3. Journal of Education for Sustainable Development, 18(2), 176-201.